Dialog und Nähe

Ein Dialog kennzeichnet sich dadurch, im Gegensatz zum Monolog, dass sich zwei Seiten aufeinander beziehen. Ein Dialog, vor allem wenn er – heutzutage wird gerne die gleiche Augenhöhe bemüht – hierarchiearm stattfindet, erzeugt Nähe. Nähe im Sinn von “sich aufeinander beziehen, ernst genommen werden”. Ein Dialog mit einem Menschen oder dem Vertreter einer Organisation, die oder der am liebsten sendet, aber wenig bis keine Bereitschaft zeigt, auch zu empfangen, ist ermüdend und verebbt auf Dauer. Dies zeigt sich an vielen Orten, gerade in der digitalen Welt, die nicht abgekoppelt ist, von dem, was wir als reale Welt bezeichnen.

Kirche und Dialog

Hanna Jacobs, Pfarrerin im raumschiff.ruhr, hatte kürzlich in diesem Artikel der Wochenzeitung ZEIT einen Einblick in den Umgang “der evangelischen Kirche” mit dem Netz gegeben. Ihre Kernaussage ist, dass die Evangelische Kirche noch nicht verstanden hat, worum es im Netz wirklich geht: Dialog und Nähe.

Vieles von dem, was sie beschreibt, gilt als umstritten. “Die Kirche ist nicht systemrelevant.” Natürlich trifft sie mit dieser Aussage in das Mark der Kirche. Ihre Begründung, dass es keine Revolution und keine Tumulte gibt, wenn Kirchen und Gemeindehäuser geschlossen sind, ist ebenso richtig wie schwach. Es bricht auch nichts zusammen, es gibt auch keine Tumulte, wenn Schulen geschlossen bleiben, einmal von manchen Elternprotesten abgesehen. Schulen deshalb als nicht systemrelevant zu bezeichnen wäre grundsätzlich falsch. Aber im Grunde hat sie recht. Es geht eine Zeitlang ohne. Ohne Gottesdienste in der Kirche, ohne Schulunterricht im Klassenraum. Die Mehrzahl der Menschen in Deutschland lebt auch schon seit längerem ohne Gottesdienste und wird dies auch weiterhin tun. Tendenz steigend. Da nehme ich mich nicht aus!

Die Reaktion auf diese momentanen Einschränkungen in den Kirchengemeinden sind überschaubar. Predigten werden aufgezeichnet und als Audiodatei oder Videodatei veröffentlicht. In Podcasts werden Bibelstellen gelesen und diskutiert. Es werden Andachten gefeiert und heftig über das digitale Abendmahl gestritten. Auf Homepages werden ermutigende Worte veröffentlicht.

Manche Gemeinden versuchen, die klassischen analogen Gottesdienste fast 1:1 in ein digitales Format zu überführen. Das das Netz eine eigene Sprache, ein eigenes digitales Verständnis hat, bleibt unbeachtet. Den Online Gottesdienst meiner Kirchengemeinde schalte ich nach spätestens 2 Minuten ab, denn in der Tat fehlt mir ein zentrales und auch immer öfter eingefordertes Element: Der Dialog.

Öffentlichkeit und Dialog

Ich glaube, es war vor Jahren LeFloid (Youtuber, der durch gesellschaftskritische Videos bekannt wurde), der anmerkte, dass er keine Dialogveranstaltung im Fernsehn mehr anschaue, wenn er sich nicht selber zu Wort melden kann. Darin steckt der Kern der Kritik, die Hanna Jacobs aus meiner Sicht berechtigt in die Wagschale wirft. Es gibt die Möglichkeit zum Dialog. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Durch Dialogbereitschaft und gelebtem Dialog lässt sich auch Nähe herstellen, fühlbar machen. In der Wirtschaft nennt sich dies Kundenbindung. Die Dialogformate sind hier einerseits Produktbewertungen aber auch Diskussionen über das Verhalten von Unternehmen.

Nicht nur die Kirche im Allgemeinen hat hier Nachholbedarfe, auch andere Organisationen können und müssen sich auf Dauer auf diese Digitalkultur einlassen. Wenn sie es sein lassen, werden sie in der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit verschwinden. Denn es ist absehbar, das das Netz als Dialogplattform an Bedeutung gewinnt. Die junge Generation wird sich mit klassischen Dialogformaten in unserer kirchlichen Kommstruktur (wenn du zu uns kommst, darfst du dich beteiligen) nicht “binden” lassen. Bindung entsteht durch Nähe.

Bildung und Dialog

Für Träger von Bildungsveranstaltungen zählt das ebenso. Unabhängig, ob es sich hier um kirchliche Einrichtungen (die alle einen Bildungsauftrag haben!), die Einrichtungen anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen oder gar den öffentlichen (staatlichen) Anbieter von Bildung (z.B. Schulen) handelt: Kommunikation bedeutet mehr, als Arbeitsblätter oder Lernvideos online zu stellen. Kommunikation bedeutet Dialog. Gerade hier zeigt sich – vor allem im schulischen und universitären Bereich – ein gehöriger Nachholbedarf.

Schöne ist es, dass es nicht “zu spät” ist. Überall haben sich engagierte Menschen auf den Weg gemacht, diese digitale Dialogkultur aus dem Schatten heraustreten zu lassen. Diese Menschen zu Fördern ist das Gebot der Stunde. In der Kirche ebenso wie in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Gerade im schulischen Bereich ist, wie mir viele Lehrer*innen zurückmelden, da noch viel Luft nach oben.

Bild: Pixabay

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