Digitale Hilfsmittel: Die Corona-App

Seit Wochen gibt es Diskussionen um die Eindämmung der Corona-Pandemie durch den Einsatz digitaler Werkzeuge. Dafür eignet sich am besten das Smartphone, da – mit Ausnahme kleiner Kinder – fast jede*r Bürger*in mindestens eines besitzt. Grundsätzlich ist das eine sehr gute Idee, da so die Verbreitung des Virus eingedämmt werden kann. Für den erfolgreichen Einsatz ist allerdings eine breite Nutzung in der Bevölkerung Voraussetzung. Diese Zustimmung steigt mit einer größtmöglichen Transparenz, welche Daten wie gespeichert und wie diese verwendet werden. Die Grundlage für den Erfolg liegt im Vertrauen.

Das Robert-Koch Institut hat am 7. April eine erste Corona-App veröffentlicht und zu einer freiwilligen Datenspende aufgerufen. Für die Corona-Datenspende werden über das Smartphone Daten eines Fitnessarmbandes oder einer Smartwatch gesammelt. Mit diesen sogenannten Wearablesdaten sollen frühzeitig Symptome einer Infektion mit dem Coronavirus erkannt und die geografische Ausbreitung erfasst werden. Ziel ist, die Infektionsschwerpunkte schneller und besser zu erkennen. So soll ein genaueres Bild über die Wirksamkeit der Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 gewonnen werden. Der Chaos Computer Club hat hier in einer ausführlichen Stellungnahme kritische Punkte angemerkt.

Die Wirtschaftswoche hat am 21. April einen Artikel veröffentlicht, in dem sich kritisch mit einer Corona-App und deren Nutzen auseinandersetzt wird. Dort ist zu lesen

“Google und Apple, die zusammen 99 Prozent des Smartphone-Marktes beherrschen, entwickeln gemeinsam Kontaktverfolgungs-Apps, mit denen Gesundheitsbehörden 14 Tage rückwirkend Menschen aus dem Zwei-Meter-Umkreis eines Infizierten identifizieren können. Beide Konzerne reden von Datenschutz, aber versprechen lediglich, dass sie keine Standortdaten an Werbekunden weitergeben. Die über die App gelieferten Daten dürften trotzdem die hauseigene KI füttern und so das Geschäft der Daten-Giganten nähren. Kurz: Es wäre naiv, digitale App-Hilfen zu bejubeln. Eine in Deutschland oder Europa entwickelte App dürfte da einiges besser machen, aber wird das grundsätzliche Problem nicht lösen.”

Woran wird in Deutschland oder Europa gerade gearbeitet?

Alle sind sich darüber einig, dass hohe Standards an Anonymität und Datenschutz eingehalten werden können. Momentan wird europaweit an verschiedenen Systemen gearbeitet. Die Bundesregierung prüft derzeit drei unterschiedliche Varianten. Die Stellungnahme der Bundesregierung ist hier im Original nachzulesen.

In den Projekten wird an einer App gearbeitet, die über das Smartphone automatisiert die über die Bluetooth-Funktion räumlich nahe Kontakte aller Nutzer*ïnnen aufgezeichnet, das sogenannte Tracing. So sollen Infektionsketten schnell und effizient nachvollzogen werden können. Menschen, die mit einer positiv getesteten Person in nahem Kontakt waren, können so eine Nachricht erhalten und selber einen Test machen lassen. Standortdaten, wer sich wo aufgehalten hat – das sogenannte Tracking – sind dafür nicht notwendig. Allerdings ist nun ein Streit entbrannt, wie die App gestaltet sein soll. Kern des Streits ist wohl, dass der Prozess der Datenerhebung über die App nicht über eine öffentlich einsehbare Programmierung (Open Source) erfolgen soll. Somit gäbe es keine Kontrollmöglichkeit mehr, welche Daten abgerufen und wo gespeichert würden. Ein weiterer Punkt scheint die Speicherung der Daten zu sein. Sollen die Daten dezentral auf dem jeweiligen Endgerät oder zentral auf einem Server gespeichert werden? Sind die Daten wieder löschbar? Der offenen Brief von über 300 Wissenschaftler*innen, in dem die Kritik zusammengefasst wird, ist hier im englischen Original nachzulesen.

Das FIfF (Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V.), dem auch ich angehöre, hat in einer umfassenden Stellungnahme du der Entwicklung und weiteren dazugehörigen Fragen Stellung bezogen, die hier in Kurz- oder Langform nachzulesen ist.

Verspielt nicht das Vertrauen!

Ein wesentlicher Punkt hat mit dem eingangs genannten Vertrauen zu tun, das die Grundlage für den Erfolg dieser Tracing-App bildet. Dazu heißt es beim FIfF:

“Wesentliche Voraussetzung für Transparenz bezüglich der Umsetzung aller Datenschutz-Grundsätze nicht nur für Datenschutzaufsichtsbehörden, sondern gerade auch für die Betroffenen und die (Zivil-)Gesellschaft insgesamt ist die quelloffene Entwicklung von Server und Apps nebst allen ihren Komponenten beispielsweise als freie Software. Nur so kann es gelingen, Vertrauen auch bei jenen zu erzeugen, die nicht alle informationstechnischen Details verstehen. Ergriffene Maßnahmen müssen immer aktiv prüfbar gemacht und sauber dokumentiert werden.”

Es gibt übrigens auch einen sehr lesenswertes Interview zum Thema mit Linus Neumann von CCC, das hier zu finden ist.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Bild von Gerd Altmann, Pixabay

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