Die Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz (KI)

Die Online-Beteiligung der Enquete-Kommission “Künstliche Intelligenz” hat begonnen. Mein Kollege Lukas Spahlinger, Referent für Digitale Welt im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN, hat sich den kompletten Beratungsprozess angeschaut.

Von Lukas Spahlinger

Auf der Suche nach gesellschaftlichen Spielregeln zur Nutzung von KI-Systemen

Im Juni wurde vom deutschen Bundestag eine Enquete-Kommission mit dem Ziel ins Leben gerufen, wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale von KI-Systemen auszuloten und Vorschläge für gesetzliche Regulierungen zu erarbeiten. In den letzten Monaten wurden in regelmäßigen Sitzungen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten sowohl die Chancen, aber auch die Risiken der KI für Gesellschaft, Wirtschaft und Staat erarbeitet. Bis zum 5. April werden nun Vorschläge und Meinungsbeiträge gesammelt, die in der Folge von der Enquete-Kommission aufgegriffen werden. Abschluss der Arbeit der Kommission wird ein Bericht sein, der nach der Sommerpause des deutschen Bundestages im Herbst dieses Jahres vorgestellt wird.

Was macht eine Enquete Kommission?

Enquete Kommissionen werden immer dann eingesetzt, wenn Themengebiete ein gewisses Maß an Komplexität erreichen, die die Bearbeitung in den Ausschüssen des Parlaments sprengen würde. Dies ist insbesondere bei solchen Sachthemen der Fall, die mehrere Politikbereiche (wie zum Beispiel Gesundheit, Arbeit und Soziales, Wirtschaft oder Wissenschaft) umfassen und somit in mehreren Ausschüssen behandelt werden müssten. Meist handelt es sich zudem um Thematiken, die die Allgemeinheit betreffen und denen ethische Fragestellungen zu Grunde liegen. Aufgrund der komplexen Fragestellungen werden in eine Enquete-Kommission sowohl Parlamentarier aller Fraktionen als auch externe Experten in einem ausgeglichen Maß einberufen, die bei Bedarf zusätzlich Sachverständige einlädt. Aufgabe ist die Erarbeitung von regulatorischen Maßnahmen, die eine möglichst konsensfähige gesamtgesellschaftliche Lösung darstellen sollen, die nach Abschluss ins Parlament zur Diskussion eingebracht werden. So entschied man sich auch bei dem Thema der Künstlichen Intelligenz, eine Enquete Kommission ins Leben zu rufen.

Was ist eigentlich diese Künstliche Intelligenz?

Der Begriff der Künstlichen Intelligenz entstand in den 50iger Jahren des 20. Jahrhundert und ist seither umstritten. Dies hat den Hintergrund, dass immer wieder Zweifel darüber geäußert werden, dass menschliche Intelligenz auf Maschinen übertragbar ist. Das Problem betrifft zunächst den Begriff der menschlichen Intelligenz. Unter diesen Begriff kann vieles gefasst werden: gut rechnen zu können und logisch zu denken, aber auch Kreativität, sogenannte Bauernschläue oder Empathievermögen. Das Spektrum menschlicher Intelligenz ist weit und auf Basis der heute bekannten technischen Verfahren wird von vielen bestritten, dass Maschinen menschliche Intelligenz in ihre Gänze erlernen können. In diesem Sinne ist der Begriff Künstliche Intelligenz etwas fehlleitend, sie kann nicht als ein künstliches Äquivalent natürlicher Intelligenz verstanden werden, sondern vielmehr die Simulation von intelligentem Verhalten. Nichtsdestotrotz hat er sich als eine Art Sammelbegriff für verschiedene Formen maschinellen Lernens im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt. Um Klarheit darüber zu verschaffen, mit was sich die Enquete Kommission beschäftigt, muss der Begriff jedoch noch weiter spezifiziert werden und auf die technologischen Neuerungen eingegangen werden.

Unterschiedliche Formen Künstlicher Intelligenz

Meist wird zwischen schwachen und starken KI’s unterschieden. Das Unterscheidungskriterium ist das Ausmaß der Problemlösungskompetenz oder -kreativität. Während es sich bei schwachen KI’s um die Verarbeitung konkreter Anwendungen und Probleme handelt, werden unter starken KI’s solche Verfahren verstanden, die menschliches Denkvermögen und Problemlösungskreativität erlernen oder möglicherweise sogar übertreffen. Was die Kategorie der starken KI’s betrifft, ist jedoch – wie schon gesagt – auch nach heutigem Stand der Forschung umstritten, ob das jemals möglich ist. Die aktuellen Diskussionen beziehen sich also hauptsächlich auf schwache KI’s. Diese sind zum Teil schon heute maßgeblicher Teil des alltäglichen Lebens. Man denke nur an google-Suchanfragen, Navigationssysteme, Autokorrekturen im Chat oder bei Textverarbeitungsprogrammen. Auf der anderen Seite vollzieht sich teils eine rasante technologische Entwicklung in anderen Bereichen, wie z.B. in der Bild-/Gesichts- und Spracherkennung, in Bezug auf automatisierte Übersetzungen, bei Expertensystemen (Programme, die auf Basis von Big Data, Handlungsempfehlungen ableiten) oder beim Autonomen Fahren.

Knapp 2 Jahre Arbeit der Enquete-Kommission. Was bisher geschah…

In der Debatte um Künstliche Intelligenz handelt es sich um ein weites Feld an Fragen, die die Rolle des Menschen und seinen Umgang mit Künstlicher Intelligenz berührt. Wie funktionieren die einzelnen Verfahren maschinellen Lernens? Sind die Lernprozesse nachvollziehbar? Wie sieht es mit der menschlichen Kontrolle von KI-Systemen aus? Können Maschinen Werte erlernen oder antrainiert bekommen? Welche Konsequenzen ergeben sich durch eine (sich verstärkende) Nutzung dieser Technologie in den verschiedenen Lebensbereichen? Wie können die neuen Technologien sinnvoll und unterstützend eingesetzt werden und inwiefern können sie den Menschen tatsächlich entlasten? Wo stellen sie eine Chance dar, worin bestehen Risiken in der Nutzung? Wer trägt die Verantwortung für das Fehlverhalten von KIs? Wie sieht es mit den personenbezogenen Daten der Bürger aus, die für KI-Anwendungen in großen Mengen benötigt werden?

Viele Fragen wurden in der Enquete-Kommission im Zuge von mehreren Sitzungen diskutiert und mithilfe von Fachvorträgen beleuchtet. Sowohl die Fachvorträge, als auch die Tagesordnungen der Sitzungen können hier eingesehen werden. Es fällt auf, dass es sich keineswegs um vollkommen neue Fragen handelt. Es stellen sich vielmehr im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz ethische Fragen neu. Ähnlich wie zu Zeiten der Industrialisierung haben neue technologische Entwicklungen einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel eingeläutet, den es zu gestalten gilt. Dies betrifft den Arbeitsmarkt und die soziale Frage. KI-Systeme und technologische Neuerungen, beispielsweise in der Robotik, werden in Zukunft viele Arbeitsplätze überflüssig machen. In andern Bereichen, beispielsweise in der Wartung oder der Entwicklung von KI-Systemen, werden neue Arbeitsplätze entstehen. Dies betrifft beispielsweise das Gesundheitswesen, wo KI-Systeme bei der Diagnose oder dem Erstkontakt von Patienten Entlastung des Gesundheitsapparates bedeuten könnten. Zum anderen werfen diese Zukunftsszenarien Fragen nach der fundamentalen Bedeutung von menschlicher Fürsorge und direktem Kontakt auf. Technologische Entwicklungen insbesondere im Bereich der Gesichtserkennung werfen ein neues Licht auf das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit. In China werden beispielsweise schon heute in mehreren Pilotprojekten Gesichtserkennung im öffentlichen Raum eingesetzt. Dies ermöglicht eine sehr weitreichende Überwachung des öffentlichen Raums, was im Kontrast zu Grundrechten wie der Privatsphäre steht. Außerdem stellen sich Fragen, die den Datenschutz und -sicherheit betreffen, denn was alle KI-Systeme gemein haben, sie funktionieren umso besser, wenn sie mit großen Datenmengen gefüttert werden. Es bedarf eines präzisen Abwägungsprozesses zwischen den Vor- und Nachteilen beziehungsweise der Chancen und Risiken der KI-Technologie, auf Basis dessen schlussendlich Regulierungsmaßnahmen für die Entwicklung und die Nutzung von KI-Systemen entwickelt werden.

Dazu hat die Enquete-Kommission Ende letzten Jahres schon erste Positionspapiere zu den Themen Gesundheit, Staat und Wirtschaft veröffentlicht. Als nächstes werden Positionspapiere zu den Themen Vertrauen und Transparenz, Beruf und Alltag, Datennutzung und Datenschutz sowie Wissen und Forschung folgen. Hierfür hat die Enquete-Kommission im Vorfeld zur Bürgerbeteiligung aufgerufen, die noch bis 5. April online zur Verfügung steht. Es besteht also die Möglichkeit, sich an dem Prozess zu beteiligen.

Wieso bedarf es einer Regulierung der KI-Technologie?

KI-Technologien verändern unser Leben und ermöglichen eine erhebliche Einflussnahme auf unsere Grundrechte. Die Verhinderung von Missbrauch dieser Technologien muss dabei das Ziel von Regulierungsmaßnahmen sein, ohne Innovationspotentiale im Keim zu ersticken. Denn zu aller erst handelt es sich bei den aktuell diskutierten KI-Technologien – um es in den Worten des Prof. Knut Löschke der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig zu sagen – um „brain extensions“, sprich um technologische Hilfsmittel für den Menschen. Den eigenen Verstand muss man weiterhin einsetzen. Eines ist neben allen nationalen Diskussionen offensichtlich: Es bedarf weitergehenderinternationaler Regulierungen.

Beitragsbild: Pixabay

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